TAG 8 | 06. November 2010 | English Narrows & Pio XI Gletscher, Chile
von Brigitte Fugger, Ornithologie, Meeresbiologie
Mittagsposition: 49° 15’ 0o” S, 074° 02’ 00” W
Wetter: bedeckt, leichter Regen, später aufklarend und trocken, etwas Sonne
Lufttemperatur: 7,0 °C
Wassertemperatur: 9 °C
Wind: Stärke 2 aus SSW
Heute war Frühaufstehen angesagt. Wie uns Kapitän Peter Stahlberg beim gestrigen Recap erklärt hatte, sind die Strömungsverhältnisse für eine Passage der nur 300 m breiten ENGLISH NARROWS am frühen Morgen ab 07.00 Uhr am günstigsten. Es ist die Zeit, wenn die Gezeitenströme sich ausgleichen. Wer verschlafen hat, wird von der Ansage von der Brücke geweckt, aber natürlich sind wir alle pünktlich an Deck – und lassen uns auch nicht von dem einsetzenden Regen abschrecken. Sicher führen Kapitän und Lotse die Prince Albert II zwischen den Seezeichen und Inseln hindurch, die zum Greifen nahe an uns vorbeigleiten. Alte, schwer zerzauste Südbuchen charakterisieren die Vegetation.
Für kurze Zeit begleiten uns endemische Chile-Delphine, wenn auch in recht großer Distanz. Gerade so können wir ihre kleinen rundlichen Rückenfinnen erkennen. Die nur 1,5 bis 1,7 m langen Meeressäuger sind lieben solche strömungsreichen Gebiete, sind aber eher schüchtern. Plötzlich taucht direkt vor dem Bug eine Mähnenrobbe auf. Sie hat etwas gefangen – und sofort ist eine Dominikanermöwe da um nachzuschauen, ob da nicht auch etwas für sie abfällt. Außerdem sehen wir Chile-Skuas, Falkland-Seeschwalben, Blauaugenkormorane, eine Chile-Pfeifente im Vorbeiflug und eine der großen Flugunfähigen Dampfschiffenten. Mit heftigen Ruderschlägen ihrer stark verkürzten Flügel bringt sie sich vor dem Schiff in Sicherheit – und macht dabei ihrem Namen alle Ehre.
Danach geht es zum gemütlichen Frühstück, obwohl wir die auf dem Außendeck servierte heiße Schokolade auch schon sehr genossen haben. Im Laufe des Vormittags bessert sich das Wetter zusehends und wir genießen die vorbeiziehende Landschaft mit ihrer urwüchsigen Flora. Immer mal wieder stürzt ein Wasserfall über die mächtigen Granitfelsen. Und schließlich kommt er in Sicht, der Gezeitengletscher Pio XI, benannt nach Papst Pius dem 11. Seine gewaltige, 4,5 km breite Gletscherfront erreicht zumindest teilweise das Meer. Mit einer Fläche von 1200 km2 ist er der größte Gletscher Chiles, berichtet Robin West, und er ist einer der wenigen Gletscher weltweit, die noch wachsen.
Am frühen Nachmittag gehen zunächst die Zodiakgruppen 3 und 4 auf eine rund 1,5-stündige Zodiakfahrt entlang des Gletschers. Unterdessen bereite ich in fieberhafter Eile einen englischen Kurzvortrag über Gletscher vor. Doch um 15.30 Uhr ist es dann auch für die deutsche Zodiakgruppe 1 soweit. Ich selber darf in Robin Wests Boot mitfahren. Alle haben sich warm eingepackt und ihre wasserfesten Hosen angezogen. Die ist eine gute Idee, denn die Gäste der ersten Tour machten eine teilweise sehr nassen Eindruck.
Während wir die Gletscherfront in angemessener Entfernung entlang gleiten, behalten wir die Eisklippen genau im Auge. Manche erschienen schon so wackelig, dass sie ganz einfach jeden Moment herunterstürzen müssen – aber nein… Auch die teils intensiv blauen Farben des Eises faszinieren uns – und wie sich der Gletscher am Rand in den Südbuchenwald hinein gräbt. So etwas gibt es heutzutage kaum mehr zu sehen…
Auf dem Rückweg durch das gletschermilchige Wasser holt Robin West noch einen größeren Brocken Gletschereis aus dem Wasser. Da werden uns die abendlichen Coktails nun besonders gut schmecken! Außerdem entdecken wir doch tatsächlich einen jungen Magellanpinguin, der uns neugierig beim Ausstieg aus den Zodiaks zuschaut. Das ist heute nicht so ganz leicht, denn der Wellengang ist deutlich stärker geworden. Und so erwischt den einen oder anderen spätestens jetzt eine kleine Meerwasserdusche!
Den Tag beschließen – wie gewohnt – die Rück- und Vorschau. Da ich auch noch zu dem Englischen Recap soll, hetzte ich mich ein bisschen zu sehr mit meinem Kurzvortrag zur Besiedlungsgeschichte Südamerikas. Muss ich erwähnen, dass ich damit natürlich die „tierische“ Besiedlung meinte?! Wie es sich herausstellt, wäre die Hetze jedoch gar nicht nötig gewesen, denn meine „englischen Gletscher“ werden wegen Zeitmangel verschoben. Derweil hat unser Pflanzenfreund Hans-Peter Rheintaler seine Ausführungen über Fuchsien abgeschlossen unmittelbar gefolgt von der Vorschau auf den morgigen Tag. Alle deutschsprachigen Gäste gehen nun hinüber in Theatre, wo Bordfotografin Lou mit ihren Kurzfilmen und Bildern nochmal die ersten 3 Tage dieser Reise Revue passieren lässt.